Der neue Präsident der SP-Bundeshausfraktion heisst Andy Tschümperlin. Zur allgemeinen überraschung übertrumpfte er Favoritin Jacqueline Fehr.
Gestern Abend sorgte die SP noch einmal fürAufregung in Bundesbern. Statt der Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr wählte die Fraktion den Schwyzer Nationalrat Andy Tschümperlin zu ihrem neuen Chef. Er tritt die Nachfolge von Ursula Wyss an, die das Präsidium nach fünfeinhalb Jahren abgibt.
Tschümperlins Wahl überraschte nicht nur Journalisten, sondern auch die Fraktion und sogar den Gewählten selbst. Er habe sich nicht als Favorit gesehen, sagte Tschümperlin nach der Wahl (siehe Interview rechts).
Bild: Nationalrat Andy Tschümperlin, Präsident der SP-Bundeshausfraktion
«Zwischen Lachen und Bitterkeit»
Das Wahlresultat war denkbar knapp: 27 Stimmen konnte Tschümperlin auf sich vereinen, Fehr holte 25. Damit hat die Zürcherin ein weiteres Mal verloren – die dezidiert links politisierende Fehr war 2010 in der Bundesratswahl gegen Simonetta Sommaruga unterlegen. Bereits 1999 kandidierte sie erfolglos als Ständerätin. «Das ist schon hart», sagte die Basler Ständerätin Anita Fetz, die zur Fraktionsvizepräsidentin gewählt wurde. «Aber es gibt keinen Mitleidsbonus.»
Fehrs Niederlange muss umso schmerzlicher für sie gewesen sein, als sie sich auch selbst als Favoritin gesehen hatte. Sie sei «schon etwas konsterniert» gewesen nach Bekanntgabe des Wahlresultats, sagte Fehr nach der Sitzung. Bei Bekanntgabe des Ergebnisses habe sie «zwischen Lachen und Bitterkeit» geschwankt.
Auch vielen Fraktionsmitgliedern war deutlich anzusehen, dass sie ein anderes Resultat erwartet hatten. Die Nationalrätinnen Silvia Schenker (Basel) und Marina Carobbio Guscetti (Tessin) machten noch Stunden nach der Wahl einen enttäuschten Eindruck. Doch auch so mancher Mann gab sich fassungslos. So sagte der zum Vizefraktionspräsidenten gewählte Waadtländer Nationalrat Roger Nordmann: «Eine überraschung.» Es sei aber nicht an ihm, das Ergebnis zu kommentieren.
Fraktion wollte einen Moderator
Ein Grund für Fehrs Niederlage war offenbar deren klarer Führungsanspruch. Die Fraktion wolle eben keine starken Führungsfiguren, sondern eher integrativ wirkende Persönlichkeiten Persönlichkeiten an der Spitze sehen, gaben einige Mitglieder zu verstehen. Andere meinten, das Hickhack in der von Missgunst geprägten Zürcher Parlamentsvertretung habe den Ausschlag für die Wahl Tschümperlins gegeben.
Fehr selbst meinte, Tschümperlin sei mehr der Moderator als sie, die sich gewohnt sei, sehr zielstrebig zu führen. Es könne deshalb durchaus sein, dass am Ende der Unterschied der Führungsstile zu ihrer Niederlage geführt habe. «Vielleicht gibt es in der Fraktion auch Leute, die wollen, dass ich so pointiert wie bis anhin weiterpolitisiere und nicht durch das Amt der Fraktionschefin gebremst werde.»
Steh-auf-Frau will weitermachen
Fehr kündigte denn auch an, ihrer Linie treu zu bleiben: Sie sei eine klassische Steh-auf-Frau und werde die Niederlage wegstecken. Sie empfinde ihre Nichtwahl auch nicht als Misstrauensvotum. «Ich fühle mich weiterhin getragen von der Fraktion», sagte sie.
Auch dass nun neben Parteipräsident Christian Levrat ein weiterer Mann die Fraktion anführe, sei kein Problem. «Vielleicht zeigt gerade dies, dass die Geschlechterfrage in unserer Partei mittlerweile sehr gut verankert ist und bei solchen Wahlen keine grosse Rolle mehr spielt.»
Mit Andy Tschümperlin* sprach Simon Fischer
Herr Tschümperlin, sind Sie überrascht über Ihre Wahl zum SP-Fraktionschef?
Andy Tschümperlin:Ja, ich bin sehr überrascht. Und auch ein wenig gerührt wegen des Vertrauens, das mir die Fraktion mit dem Entscheid entgegenbringt. Vor der Wahl bin ich klar davon ausgegangen, dass Jacqueline Fehr die Favoritin ist und ich der Aussenseiter.
Worauf führen Sie ihre Wahl zurück?
Ich bin nun mehr als drei Jahre Vizepräsident der Fraktion, das mag den Ausschlag gegeben haben. Die Wahl zeigt mir aber auch, dass mir offenbar ein grosser Teil der Fraktionsmitglieder vertraut. Ich bin ein Mensch, der die Leute ernst nimmt und ihnen den Platz gibt, den sie brauchen.
Sie gelten als sehr pragmatisch. Werden Sie damit beim linken Parteiflügel nicht etwas anecken?
Ich war immer ein sehr linker Politiker und werde es auch bleiben. Zumindest in meinem Heimatkanton wird man Ihnen das bestätigen.
Bei einem Wahlresultat von beinahe 50:50 stellt sich die Frage: Ist die Fraktion gespalten?
Nein. Die politischen Profile von Jacqueline Fehr und mir sind praktisch identisch. Das knappe Ergebnis zeigt mir einzig, dass Fehr das Rennen ebenso gut hätte machen können.
Die Geschlechterfrage ist wichtig in der SP. Neben Parteichef Christian Levrat ist mit Ihnen nun ein weiterer Mann Fraktionschef. Könnte das nicht zum Problem werden?
Nein, das denke ich nicht. Wir haben viele Frauen in der Fraktion, die eine pointierte, gute Politik machen. Und diese werden natürlich weiterhin ihren Platz haben.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie nun als Nächstes?
Die Frühlingssession steht vor der Tür, und ich werde nun schauen müssen, dass ich diese zusätzliche Arbeitsbelastung und meinen Beruf unter einen Hut bringe.
*Andy Tschümperlin ist Nationalrat aus dem Kanton Schwyz und neuer SP-Fraktionschef.