Arbeit an der sozialen Schweiz im Aufschwung

30. April 2008 - Rede zum 1. Mai im Kanton Schwyz von Nationalrat Andy Tschümperlin

Liebe Genossinnen und Genossen

Einen gewaltigen Wahlmarathon haben wir hinter uns. Im Herbst 2007 begann er, am letzten Sonntag wählten wir noch die Gemeinde- und Bezirksräte. Nachwahlen stehen nun am 1. Juni in wenigen Gemeinden noch bevor. Für uns Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus dem Kanton Schwyz waren diese Wahlen alles andere als positiv. Auch wenn wir das Nationalratsmandat durch die Mobilisation aller uns zur Verfügung stehenden Kräfte halten konnten und der Erfolg in Einsiedeln bei den Kantonsratswahlen durchaus positiv zu bewerten ist, können wir nicht verleugnen, dass wir massive Verluste hinnehmen mussten. Als Mitverantwortlicher dieser Partei stellen ich mir natürlich die Frage, was ist falsch gelaufen – oder positiv formuliert: Wie können wir unsere Anliegen besser Gehör verschaffen. Es kann doch nicht sein, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in diesem Land nicht mehr wissen, wer sich eigentlich für sie einsetzt.
Ich bin überzeugt davon, dass wir näher bei unseren Wählerinnen und Wählern politisieren müssen. Darum möchte ich in meiner 1. Mai-Ansprache auf 3 Themenbereiche eingehen, die uns alle betreffen:

1. AHV-Initiative und die Situation bei der IV
2. Mindestlöhne und Löhne
3. Bankenkrise und die Verantwortung der Wirtschaft

Nationalrat Andy Tschümperlin

Bild: Nationalrat Andy Tschümperlin
 

1. AHV-Initiative und die Situation bei der IV

Ende dieses Jahr oder anfangs nächstes Jahr werden wir über die AHV-Initiative abstimmen. Damit wird es uns möglich, endlich ein wichtiges Stück Ungerechtigkeit zu beseitigen. Eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Tod sogar. Lasst mich ein bisschen ausholen…
Manche sind mit 60 noch topfit. Andere sind aber nicht mehr „zwäg“, sie haben keine Energie mehr, sie können an der Arbeit nicht mehr mithalten. Vor allem wer jahrzehntelang hart oder einseitig gearbeitet hat, leidet nun unter Beschwerden, die ein Weiterarbeiten sehr schwer machen. Zugenommen hat auch der Stress an der Arbeit. Immer mehr… immer schneller… immer noch mehr Druck… noch mehr Restrukturierungen und Umplatzierungen… Die Belastung ist fast überall gestiegen. Nicht nur der Bauarbeiter ist betroffen, sondern auch die Krankenschwester, der Briefträger, der Lehrer und viele andere mehr. Wenn ältere Arbeitnehmende eine neue Stelle suchen müssen oder eine weniger belastende Arbeit suchen, dann erfahren sie schmerzhaft, dass kein Arbeitgeber sie mehr einstellen will. Man gehört zum alten Eisen…
Und dennoch verlangen die Bürgerlichen von diesen „alten Eisen“, dass sie bis 64/65 Jahren arbeiten sollen. Nicht nur ein paar Extremisten unter ihnen schreien sogar nach einer Rentenaltererhöhung. Die gleichen Leute, die nie jemanden über 50 anstellen, wollen das Rentenalter der Frauen auf 65 Jahre erhöhen. Später dann gar auf 66 oder 67 Jahre, für beide Geschlechter…
An der Frühlingssession hat sich die Parlamentsmehrheit des Nationalrates mit 2/3 zu 1/3 einmal mehr geweigert, einen flexiblen Altersrücktritt für diejenigen zu ermöglichen, die keine Belétage-Versicherung in der 2. Säule haben. Eine Frühpensionierung soll nach dem Willen dieser parlamentarischen Mehrheit weiterhin den Managern, Direktoren, Kadern und anderen Privilegierten vorbehalten bleiben. Diesem Skandal setzen wir Arbeitnehmende bessere Lösung entgegen: Jeder und jede soll ab Alter 62 frei wählen können, die AHV-Rente zu beziehen oder weiter zu arbeiten. Ohne bürokratische Hürden und für Normalverdienende auch ohne Rentenkürzungen. Denn gerade die, die aufgrund ihrer körperlichen Verfassung die Rente bitter nötig hätten, können sich die Rentenkürzungen nicht leisten. Es sind die gleichen, die deutlich früher sterben, als die Kader, die sich früher pensionieren lassen, „um noch etwas vom Leben zu haben“. Deshalb kommt dieser AHV-Initiative etwas sehr Fundamentales zu. Deshalb trägt diese Initiative dazu bei, eine grundlegende Ungerechtigkeit zu beseitigen. Deshalb wollen wir diese Abstimmung gewinnen!
Vergesst aber bitte nicht: Damit wir diese Abstimmung überhaupt gewinnen können, sind wir auf euch alle angewiesen. Wir müssen uns für dieses flexible Rentenalter engagieren. Es genügt nicht, die Faust im Sack zu machen – diskutiert in eurem Umfeld – auf der Strasse – am Arbeitsplatz. Das ist politische Arbeit, die wir alle leisten müssen. Wir müssen wieder bestimmen, was wir diskutieren wollen. Weg von den Scheingefechten hin zu Sachpolitik, die uns nützt.
Bei der AHV behaupten Bundesrat und Parlamentsmehrheit, ein flexibles Retenalter liege nicht drin und Abbau sei nötig, um die Einnahmen und Ausgaben im Lot zu halten. Sie sagen das seit Jahren – und die nachträglich ausgewiesenen Zahlen erweisen sie Jahr für Jahr als untaugliche Prognostiker. Auf dem freien Markt wäre ein solches Prognosebüro längstens liquidiert. Jahr für Jahr sprechen die  Zahlen eine klare, eine andere Sprache: Es geht der AHV finanziell gut. Es besteht Spielraum für Verbesserung, für soziale Flexibilität, für die Umsetzung dieser Initiative.
Gar nicht gut geht es aber der Invalidenversicherung. Weil die bürgerlichen PolitikerInnen sich dort nicht an ihre eigenen Sprüche vom finanziellen Gleichgewicht halten. Seit Jahren hat diese wichtige Sozialversicherung Defizite, weil viele Arbeitgeber keine gesundheitlich angeschlagenen ArbeitnehmerInnen wollen und immer mehr Menschen deshalb keinen Arbeitsplatz mehr gefunden haben und auf die IV angewiesen sind. Das Parlament hat seine Verantwortung nicht wahrgenommen und eine Sanierung der IV immer wieder hinausgeschoben. Die SVP will die IV sogar ohne zusätzliches Geld sanieren. Jeder Mensch, der denken und rechnen kann, weiss aber, dass man das 11-Milliarden-Defizit der IV nicht durch Rentenkürzungen beseitigen kann. Die Invaliden sind auf die – ohnehin mageren – Renten der IV angewiesen. An der Frühlingssession hat das Parlament Finanzierungs-Beschlüsse gefällt. In einer zwar unschönen Form – mit einer Mehrwertsteuererhöhung – aber wir müssen zur IV und zu den Invaliden stehen. Auch darüber wird an der Urne abgestimmt werden. Wir erwarten und fordern, dass auch die bürgerlichen PolitikerInnen, vor allem diejenigen aus der Mitte, dieses Trauerspiel beenden, ihre Verantwortung wahrnehmen und zu diesem Finanzierungsbeschluss stehen!
 

2. Mindestlöhne und Löhne

1998 hat der SGB seine Kampagne „Keine Löhne unter 3000.-„ gestartet. Sie war erfolgreich. In verschiedenen Branchen mit viel prekären Stellen gelang es, die Mindestlöhne überdurchschnittlich anzuheben. Zugleich war die Mindestlohnkampagne in den letzten zehn Jahren der wirksamste Beitrag zur noch immer nicht realisierten Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern.
Wir dürfen stolz sein auf das, was wir in diesen Jahren erreicht haben. Aber ausradiert haben wir die Hungerlöhne noch nicht. Deshalb ist heute, zehn Jahre später, ein Neustart dieser Kampagne fällig. Wir müssen diese Kampagne anpassen. Neu wird sie drei Ziele haben.

1. Keine Hungerlöhne mehr. Wir wollen keine Monatslöhne unter 3500 Franken. Das ist die absolut unterste Schwelle. Und sie betrifft immer noch sehr viele Menschen. Denn immer verdienen 11 Prozent der Beschäftigten weniger als 3500.- pro Monat.
2. Viele Teilzeitbeschäftigte mit prekären Arbeitsbedingungen sind heute noch im Stundenlohn bezahlt. Die Mindestlohnkampagne muss auch ihnen helfen, genau so wie den monatlich Entlöhnten.  Deshalb die zweite Forderung: Kein Stundenlohn unter 20 Franken!
3. Kein Monatslohn unter 4500 Franken für Gelernte. Seit den schlechten neunziger Jahren sind vor allem die Löhne der Gelernten zurückgeblieben. Es braucht hier nun einen kräftigen Schub. Eine Lehre muss sich lohnen. Ein Monatslohn von 4500 Franken ist das Mindeste, was für Berufsleute mit Lehre bezahlt werden muss. Es kann doch nicht sein, dass man eine Lehre absolviert und dass man dann mit dem Gehalt, das man dafür bekommt, keine Chance hat, eine Familie durchzubringen.

„Sozialer Fortschritt jetzt“ bedeutet zuerst einmal anständige Löhne. Deshalb werden die Gewerkschaften in den kommenden Lohnverhandlungen diese 3 Forderungen nach Mindestlöhnen in den Mittelpunkt stellen. Jeder anständige Lohn bedeutet weniger nachträgliches Flicken durch Staat und Sozialversicherungen. Jeder anständige Lohn packt das Übel Armut an der Wurzel. Und vor allem: er verleiht den Betroffenen nicht nur eine gewisse materielle Sicherheit sondern auch Würde und Wertschätzung. Und die sind auch in einer Schweiz mit Ospel im Ruhestand nötig.

Bis 2006 ging der Aufschwung weitgehend an den Schweizer Arbeitnehmer/-innen vorbei. Die Unternehmen stellten kaum neues Personal ein. Deshalb brachte der stark steigende Absatz der Betriebe für die Belegschaften vor allem mehr Arbeit und eine höhere Belastung. Und obwohl mehr und härter gearbeitet werden musste, gab es kaum mehr Lohn. Wer keinen Bonus erhielt und beruflich nicht aufsteigen konnte, hatte 2006 real keinen Franken mehr Lohn als zwei Jahre zuvor.
Mit den letztjährigen Lohnabschlüssen erhielten die Schweizer Lohnabhängigen mit Verspätung wenigstens einen Teil ihres Beitrages am Aufschwung zugestanden. Der Lohnrückstand wurde teilweise wettgemacht. Positiv zu vermerken ist zudem, dass in einigen Branchen die unteren Einkommen eine stärkere Lohnerhöhung erhalten als die übrigen. Nach wie vor enorm sind die Unterschiede zwischen den Honoraren des Topmanagements und der übrigen Belegschaft – insbesondere bei den Grossbanken bzw. der Pharmabranche. Die Lohnerhöhung von 2.5 Prozent bei UBS, CS und Novartis ist in Anbetracht der exorbitanten Bezüge in den Teppichetagen und der deutlich gestiegenen Gewinne kleinlich. Der Gipfel des Egoismus und der Frechheit ist der Fall von Marcel Ospel. Während er in den vergangenen Jahren Honorare von insgesamt mehr als 100 Millionen einkassiert hat, muss das Personal nun für seine lasche Aufsicht und sein miserables Risikomanagement bluten.
Im vergangenen Jahr konnte der Lohnrückstand verringert werden. Trotzdem bleibt nach wie vor Handlungsbedarf. Die Löhne haben das höhere Produktivitätsniveau noch nicht erreicht. Von der guten Konjunktur profitieren die Arbeitgeber nach wie vor stärker als die Arbeitnehmer/-innen. Besonders gross ist der Nachholbedarf bei den Erwerbstätigen mit Berufslehre bzw. bei Erwerbstätigen ohne Berufsausbildung. Diese Personen sind die grössten Verlierer der letzten Jahre. Zwischen 2002 und 2006 erlitten sie einen Reallohnverlust von 0.9 Prozent (mit Berufslehre) bzw. 0.4 Prozent (ohne Berufsausbildung).
 

3. Bankenkrise und die Verantwortung der Wirtschaft

Durch die Krise der UBS und den Abgang von Marcel Ospel sind die Ideologen der Selbstregulierung durch den Markt schwer angeschlagen. Bürgerliche geben zu, dass der Markt versagt hat. Und Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank und einer der grössten Profiteure der letzten Jahre, ruft nach staatlicher Hilfe.
Um die Abschreiber aus dem Subprime-Geschäft aufzufangen, muss die UBS 28 Mrd. neues Eigenkapital aufnehmen – davon 11 Mrd. beim Staatfonds GIC aus Singapur. Bemerkenswerterweise wird mit dieser Kapitalspritze die Reduktion des Eigenkapitals seit dem Jahr 2000 wieder rückgängig gemacht. Mit dem Ziel, die Eigenkapitalrendite (Gewinn in Relation zum Eigenkapital) zu steigern, hat die UBS seit 2000 nämlich Aktien im Wert von fast 30 Mrd. Fr. zurückgekauft. Dies ganz getreu der Shareholder-Ideologie. Die UBS kaufte Aktien zurück, damit die an der Börse verbleibenden Aktien zu einem höheren Wert gehandelt werden. Einer der Hauptprofiteure dieser Aktien-Rückkäufe war Marcel Ospel. Ospel erhielt sein Gehalt zu einem grossen Teil in Form von UBS-Aktien und –Optionen. Je höher der UBS-Kurs, desto mehr kassierte er.
In der Bankenkrise fehlt der UBS nun gerade dieses Eigenkapital. Die Reduktion des Eigenkapitals hat die UBS anfällig gemacht auf Verluste. Hätte sie auf die Aktien-Rückkäufe verzichtet, könnte sie die Verluste im US-amerikanischen Immobilienmarkt ohne Gelder aus fernöstlichen Staatsfonds verkraften.
Als Präventionsmassnahme gegen künftige Krisen schlagen Bankenkommission und Nationalbank vor, dass die Schweizer Grossbanken in Zukunft mehr Eigenkapital halten müssen. Das ist an sich ein vernünftiger Vorschlag, wobei sich die Frage stellt, warum die Aktien-Rückkäufe von der Bankenkommission überhaupt toleriert wurden. Die Banken sind ein Klumpenrisiko für die Schweiz. Ihr Anteil am BIP beträgt 8.5 Prozent. Der Konkurs einer der beiden Grossbanken würde die Schweiz wirtschaftlich wie politisch in eine äusserst schwierige Lage bringen. Damit sie Rückschläge und Verluste selber verkraften können, müssen die Banken deshalb deutlich mehr Reserven halten. Zudem müssen wieder Fixlöhne anstelle von Boni aus Aktien und Optionen bezahlt werden. Der Fall Ospel und UBS haben gezeigt, dass die Banker auf Kosten der übrigen Schweizer Wirtschaft viel zu hohe Risiken eingehen, wenn sie an Börsengewinnen beteiligt werden.
Die Profiteure der letzten Jahre rufen nun nach dem Staat. Staatliche Stabilisierungspolitik, vor kurzem noch des Teufels, ist wieder en Vogue. Diese Bewegung hin zu mehr wirtschaftspolitischer Vernunft, tut in der Schweiz not. Denn die Schweiz hat in Sachen Stabilisierungspolitik einen schlechten Leistungsausweis. Die Finanz- und Steuerpolitik beispielsweise hat die wirtschaftlichen Schwankungen verstärkt wie in keinem anderen vergleichbaren Land auf der Welt. Stabilisierungspolitik heisst aber nicht „Gewinne privat- Verluste dem Staat“, wie sich das die Ackermanns vielleicht wünschen, sondern Stabilisierungspolitik bedeutet, dass die Regulierungsbehörden beispielsweise in guten Zeiten höhere Eigenmittel verlangen können, was die Banken etwas kosten wird, und dass Bund, Kantone und Gemeinden in guten Zeiten auf Steuersenkungen verzichten, damit in schlechten Zeiten ein ausreichendes Polster vor-handen ist. In der Krise getätigte staatliche Stützungsmassnahmen müssen wieder abgeschöpft werden, wenn die Wirtschaft gut läuft.
Zum Schluss noch etwas zur Beschäftigungslage in der Schweiz. Trotz Auf-schwung sind in der Schweiz nach wie vor gegen 160'000 Personen erwerbslos. Dazu kommen 260'000 Teilzeitangestellte, die eine Stelle mit einem grösseren Pensum suchen und viele Erwerbstätige, die nur eine prekäre Anstellung haben. Das sind Spätfolgen der langen Krise der 1990er Jahre. Der Aufschwung ist die Chance, diese Menschen wieder im Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen eine Zukunftsperspektive zu geben. Wer im Aufschwung nicht auf den Arbeitsmarkt zurückfindet, wird es in der Rezession viel schwerer haben. Es droht das schlimme Schicksal der Langzeitarbeitslosigkeit. Und die Sozialwerke haben Leistungsempfänger statt Beitragszahler. Die Zeit für die Integration dieser Menschen ist knapp. Seco und Arbeitgeber müssen handeln und eine Integrationsoffensive starten.

Liebe Genossinnen und Genossen

Es gibt einiges zu tun in diesem Land. Heute feiern wir aber. Ich wünsche euch einen erholsamen 1. Mai und fordere euch auf, für eine soziale Schweiz auch im Aufschwung zu engagieren.

Nationalrat Andy Tschümperlin

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