Gemeinsamkeit, Engagement und Verantwortung - Bundesfeier 2008 in Rickenbach

1. August 2008- Nationalrat Andy Tschümperlin

Liebe Schweizerinnen und Schweizer
Liebe Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz

Ich freue mich, als Bürger der Gemeinde Schwyz mit Ihnen den 717. Geburtstag unseres Landes feiern zu können. Dazu heisse ich Sie herzlich willkommen in Rickenbach.

Der Nationalfeiertag gibt uns die Möglichkeit, über unser Land und unser Zusammenleben nachzudenken. Dabei möchte ich einen Vergleich ziehen zwischen dem Funktionieren unseres Staates mit der Bundeslager contura08 der Pfadi.

Gemeinsamkeit, Engagement und Verantwortung sind drei Werte, die zurzeit von über 25'000 jungen Menschen gelebt werden. In der Linthebene treffen sich Pfadi-Buebe und –Meitli aus allen Kantonen der Schweiz und dem Ausland, um während 2 Wochen gemeinsame Ferien zu erleben.   Morgen Samstag ist das Lager fertig.

Im contura08 ist die starke Gemeinschaft der Pfadi spürbar und die Kinder leben draussen in der Natur. Dabei können auch kreative und verrückte Ideen verwirklicht werden. Die Goldauer Pfader zum Beispiel bauten eine Eisenbahn, um das Unterlager miteinander zu verbinden. Auf der Linth treiben selbstgebaute Flosse mit dem Wasser. Und eine Basler Pfadi hat ein Piratenschiff auf den Platz gestellt, um terra nova zu entdecken.

Als ehemaliger Jungwächtler habe ich das Lagerleben in bester Erinnerung. Zugegeben – oftmals haben wir in dieser Zeit über die Pfadis gespöttelt. Uniformen, Antrittsverlesen und Regeln kannten wir zwar auch, aber die militärische Organisation hat uns zu dieser Zeit nicht unbedingt angesprochen. Heute weiss ich, dass es in guten Organisationen Regeln braucht.

Auch in unserem Land leben Menschen aus den 26 Kantonen mit vielen Mitmenschen aus anderen Nationen zusammen. Wir bilden eine Gemeinschaft mitten in Europa. Die Schweiz hat eine moderne Organisation, obwohl diese bereits vor 160 Jahren in der Bundesverfassung aufgeschrieben worden ist. Unser System bedeutet politische Stabilität. Die gegenseitige Machtkontrolle der Kräfte, das Gleichgewicht zwischen Volk, Parlament, Regierung oder zwischen den Gemeinden, Kantonen und Bund ist ab und zu schwerfällig. Dadurch wird aber die politische Stabilität gestärkt. Die Mächte und die Mächtigen müssen sich immer wieder neu demokratisch legitimieren. Die verschiedenen Wahlen im letzten Jahr haben doch gezeigt, dass es für unser Land gut ist, dass diese demokratischen Instrumente die Machthungrigen und die scheinbar Übermächtigen zurück auf den Boden der Realität holen.

Zurück zur Pfadi: Mir gefällt besonders, dass Jugendliche und junge Erwachsene Verantwortung übernehmen. Vom pädagogischen Standpunkt her gesehen ist das eine nicht zu unterschätzendes Erfahrungsmöglichkeit für junge Menschen. Verantwortung zu tragen ist nicht selbstverständlich. Sind doch Intoleranz und die Verfolgung von Eigeninteressen in zunehmendem Masse zu beobachten. Wie gut tut es, wenn Junge aber bewusst Verantwortung tragen wollen – im Wissen, dass diese auch nicht immer von allen gleich getragen werden kann – so – dass jede und jeder diese in seinem Bereich übernehmen kann.

Unser Land braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen. Verantwortung tragen wir tagtäglich. Sei es als Mutter oder Vater einer Familie, als Mitglied eines Vereins, im Beruf oder in der Politik. Verantwortung übernehmen ist ein wichtiger Grundpfeiler unseres Staates und von unserem wirtschaftlichen Erfolg.  Denn unser Land eint nicht die Sprache, die Religion oder die Herkunft. Uns eint der Wille zum Zusammenleben und die Verantwortung mit unseren demokratischen Mitteln daran zu arbeiten.

Es ist doch so. Eine der grössten Stärken in der Schweiz ist der Zusammenhalt. Über Jahrzehnte haben wir gelernt, dass Zusammenhalt uns selbst stärkt und unser Land stark macht. Dazu gehört auch die Sensibilität für Minderheiten, vor allem für sprachkulturelle Minderheiten. Es gibt nicht wichtige und weniger wichtige Sprachkulturen. Darum sind unsere Landessprachen wichtig – darum sind in diese auch zu investieren.

Zum Engagement für den Zusammenhalt gehört die Auseinandersetzung. Die Schweiz ist politisch sehr streitfreudig: vor jeder Abstimmung, vor jeder Wahl. Die Kultur des ständigen politischen Streitens besteht aber nicht darin, dass der politische Gegner zum Feind gemacht wird. Nein – wir wissen, bei aller Differenz in der Sache – wir gehören zusammen. Mit Anstand, Respekt und Toleranz – auch und vor allem in einer Zeit, in der sich die sozialen Unterschiede verschärfen. Und ich rede nicht nur von materiellen Unterschieden in unserer Gesellschaft, sondern von ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschieden.

Dabei haben wir als humanitäres  Land in dieser Welt eine riesige Verantwortung. Weltweit leben 1,3 Milliarden Menschen mit weniger als einem Euro pro Tag. Das kann die Schweiz als eines der reichsten Länder der Welt nicht kaltlassen. Unser Land hat sich im Jahr 2000 den Uno-Millenniumszielen verpflichtet. Die Erklärung wurde damals unterzeichnet. Die wichtigsten Ziele sind:

  • bis 2015 soll die Armut halbiert werden
  • alle Kinder sollen eine Grundausbildung erhalten
  • der Umweltschutz soll verbessert
  • und eine weltweite Entwicklungspartnerschaft aufgebaut werden.


Die Geberländer haben sich für die staatliche Entwicklungszusammenarbeit auf eine Zielquote von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens bis 2015 geeinigt. Die Schweiz hat zurzeit eine Zielquote von 0,4 Prozent – wir sind also noch nicht am Ziel.

Optimistisch stimmen mich in diesen Fragen die Pfadis. Die Jungen besuchen sich gegenseitig in den verschiedenen Lagern. Im Lager der „Village Global“ können sie verschiedene Workshops der Gastnationen besuchen. Neben den 4 Landessprachen werden auch Moré (der Dialekt von Burkina Faso), Georgisch, Rumänisch, Dänisch, Englisch, Finnisch, Spanisch, Ungarisch, Slowakisch und Japanisch gesprochen. Afrika wird durch Rhythmik und afrikanische Pfadilieder spürbar. Neben den kulturellen Erfahrungen werden internationale Fragen angesprochen. Fairer Handel und Entwicklungshilfe sind Themen, wie auch Energie- und Menschenrechtsfragen.

Diese Demonstration unserer jungen Generation zeigt uns allen, dass der Wille zum Zusammenleben in unserem Land, genau so wie die dafür benötigte Kreativität nach wie vor da ist.

  • Neben Tradition hat Neues Platz.
  • Neben der Eigenheit wird das Fremde gesucht und dabei neue Erfahrungen gemacht.
  • Uniformen und Regeln bestehen – und trotzdem herrscht Lebensfreude.
  • Die Traditionen werden gelebt – und trotzdem stellen sie sich den aktuellen Problemen dieser Welt.

Mir haben diese Besuche des Bundeslagers nach diesem politisch schwierigen Jahr sehr gut getan – die jungen Einwohnerinnen und Einwohner unseres Landes sind fähig für unsere Welt Verantwortung zu übernehmen – so wie das unser Land mit seiner humanitären Tradition seit vielen Jahrzehnten lebt.

Unsere Schweiz hat viel erreicht. Heute am 1. August können wir mit Dankbarkeit und Freude in unserer bescheidenen Art feiern. Ab Morgen packen wir dann die Herausforderungen wieder an, übernehmen wir Verantwortung und setzen uns für die einzigartigen Werte unseres Landes ein! Dafür braucht es ehrliches Engagement von uns allen. So, wie es unsere Gründerväter vor 717 Jahren vorgelebt haben.  Packen wir es an – mit Zusammenhalt, Engagement und Verantwortung für unsere nächste Generation.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Nationalfeiertag.

Andy Tschümperlin

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