Grenzen setzen und hinschauen

16. Januar 2008 - Nationalrat Andy Tschümperlin

Zur Bekämpfung der Jugendgewalt verfehlen Brecheisen-Methoden das Ziel – das Problem muss differenziert aber konsequent angegangen werden. Und das bedeutet Arbeit – aber auch Lösungen. Wie verschiedene Beispiele zeigen.

Das Thema Jugendgewalt ist emotional. Deshalb wird Jugendgewalt gerne auf die politische Stimmungsmache-Agenda des bürgerlichen Lagers gesetzt. Die Debatte um Jugendgewalt darf aber nicht zur ideologischen Positionierung von Parteien dienen. Vielmehr gilt es die vielfältigen Ursachen abzuklären, genau hinzuschauen und Interventionen anzupacken.

Die bürgerliche Position gegenüber des Problems greift zu kurz und ist zu einfach: Härtere Strafen für delinquente Jugendliche, Sippenhaftung oder Landesverweis – und man glaubt, die Sache löse sich von selbst. Doch so einfach ist es nicht, wie der Blick in den Alltag im Jugendstrafvollzug zeigt: Dort mischen sich Jugendliche mit Migrationshintergrund und Jugendliche mit Schweizer Pass. Einiges haben sie gemeinsam: Sie stammen aus niedrigen sozialen Schichten, kommen aus schwierigem Elternhaus und haben den Sprung auf den Bildungs-Zug nicht geschafft. Und einen Unterschied haben sie: Studien in Deutschland zeigen, dass die Gewaltbereitschaft bei türkischen oder aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Jugendlichen deutlich höher ist, als die von einheimischen Jugendlichen. Diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede müssen angepackt werden.

Für Menschen, die sich berufsmässig mit Jugendlichen auseinandersetzen, ist Gewalt und Aggression ein tägliches Thema. Aggressives Verhalten gehört zur Jugendphase. Vor allem Knaben suchen die körperliche Auseinandersetzung. Mädchen benützen dafür eher verbale Mittel. An Schulen oder in der Freizeit, in der Jugendszene, können normale Keilereien zu gewalttätigen Auseinandersetzungen ausarten. Solche Erlebnisse machen betroffen – sie sind nicht zu tolerieren.
Massnahmen müssen deshalb sehr gezielt für die Behebung der Ursachen getroffen werden. Diese Diagnosearbeit muss aber von jemandem geleistet werden – und dafür braucht es Zeit. Zeit, die von Eltern, Lehrpersonen und Personen im Umfeld Jugendlicher zur Verfügung gestellt werden muss. Ist es aber nicht so, dass oftmals diese Zeit fehlt?

Aus meiner Erfahrung als Schulleiter einer Schule mit 180 Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 17 Jahren sind folgende 3 Punkte wichtig, damit gewalttätige Auseinandersetzungen vermindert werden können.

  1. Junge brauchen Regeln: Für Jugendliche ist es wichtig, dass sie Regeln kennen und sie angehalten werden, diese einzuhalten. Dabei sind alle gefordert. Damit Regeln eingehalten werden können, braucht es räumliche Strukturen, die für alle übersichtlich sind.
  2. Erwachsene sind Gegenspieler: Junge Menschen haben ein Recht darauf, nicht verstanden zu werden. Wir Erwachsene müssen die Rolle des Gegenspielers einnehmen – wir sind diejenigen, die Grenzen ziehen. Dieser Einsatz ist von uns zu leisten, auch wenn er uns manchmal mühsam erscheint.
  3. Streiten ist spannend, Frieden langweilig: Differenzen zwischen Menschen müssen ausgetragen werden. Darum brauchen wir eine Streitkultur, die Gewalt verhindert und die Differenzen respektvoll austragen lässt. Diese Kultur lernen Jugendliche von uns Erwachsenen – wir müssen diese also auch vorleben.


Weil Gewalt aber verschiedene Gesichter zeigt, gibt es keine Rezepte, um diese zu verhindern. Wichtig ist jeweils eine professionelle Analyse der Qualität und Art des Vorfalls oder der Vorfälle. Mit gezielten Projekten kann darauf reagiert oder noch besser agiert werden. Zum Beispiel RADAR – Rasch Auf die Auffälligkeiten Reagieren. Die Stadtzürcher Volksschulen stellen mit diesem Projekt die Früherkennung in den Vordergrund. Aus meiner pädagogischen Erfahrung ist es sehr wichtig, dass Verhaltensauffälligkeiten nicht verdrängt werden, sondern aktiv beobachtet und mit Interventionen möglichst schnell reagiert wird. Oder PEPPerMIND: Eine aktive Jugendarbeit geht auf Jugendliche zu und bindet sie ein. Die Projektgruppe Peppermind in der Gemeinde Adliswil bietet Midnight Basketball an, führt GirlPowerWochen durch, befragt Jugendliche nach ihrer Freizeit, den Interessen und Befindlichkeiten, coacht und unterstützt Jugendprojekte.

In zwei weiteren Bereichen muss langfristig Prävention stattfinden: Im Elternhaus und in der Bildung. Eltern sollen einerseits in die Verantwortung genommen und andererseits unterstützt werden, bspw. mit Erziehungskursen. In der Bildung sind Auffangprojekte nötig, die Jugendliche ohne Lehrstelle oder berufliche Perspektive unterstützen und coachen.
In vielen Familien, Gemeinden, Schulen und Freizeitinstitutionen wird sehr gute Arbeit in der Gewaltprävention geleistet. Die Politik hat die Aufgabe, diese Arbeit zu fördern und zu stützen und die finanziellen Ressourcen dazu zu sprechen.

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