Bundesfeier 2007 in Sattel

1. August 2007 - Nationalrat Andy Tschümperlin

Liebe Bürgerinnen und Bürger von Sattel
Geschätzte Damen und Herren

Vor 24 Jahren stand ich anfangs August auch hier in Sattel. Ich trat meine erste Stelle als Lehrer einer 2. Klasse an. Ich erinnere mich noch gut an meinen grossen Aufbruch von zu Hause. Abschied aus Schwyz – ich mietete zum ersten Mal in meinem Leben eine eigene Wohnung, in den Brunnern. Ich fühlte mich fremd. Ich kannte fast niemanden, trat meine erste Arbeitsstelle nach einer langen Ausbildungszeit mit 21 Jahren an. Musste aber am Ort wohnen, weil damals noch der Wohnsitzzwang für Lehrpersonen galt. Vermisst habe ich vor allem die beiden Mythen – vermitteln doch diese zwei stolzen Berge für mich das Gefühl von Heimat. Am Wochenende fuhr ich dann jeweils wieder nach Schwyz – dahin, wo ich mich wirklich zu Hause fühlte. Nur gerade 10 km von Schwyz entfernt, war für mich in diesem Lebensabschnitt das Fremde.

Inzwischen sind einige Jahre vorübergestrichen. Ich wohne wieder am Fusse der Mythen in Rickenbach - also im Talkessel von Schwyz. Da, wo ich mich daheim fühle. Ich habe mich schon viele Male gefragt: Warum habe ich dieses starke Heimatgefühl? Warum fühle ich mich mit diesem Stück Erde so verbunden? Warum zieht es mich nicht in die Fremde? Was hält mich hier? Heimat – was, wo und wer ist das?

  • Ich denke bei Heimat an Erlebnisse und Begebenheiten. An etwas, was passiert ist. An Ereignisse, und zwar an die, die mich gepackt, bewegt, geprägt haben. Das, was geschehen ist und für mich Bedeutung hatte, das ist Heimat.
  • Ich denke bei Heimat an Orte. Orte, wo ich mich wohl gefühlt habe. Orte, an denen ich mich immer und immer wieder aufgehalten habe, die mir ans Herz gewachsen sind. Orte, die mir vertraut sind, das ist Heimat.
  • Ich denke bei Heimat an Menschen, die mir wichtig sind. Menschen, die ich mag, die ich gern habe, die ich liebe. Menschen, die Bedeutung für mein Leben haben, das ist Heimat.

Heimat war und ist Familie. Ich hatte das grosse Glück, in einer Familie aufwachsen zu können, die heute noch miteinander guten Kontakt pflegt. Alle meine Geschwister wohnen im Talkessel. Meine Eltern haben uns gelehrt, wie man miteinander umgeht, dass einem der Nächste nicht egal sein darf und dass die tägliche Arbeit Erfüllung bringt. Mein Vater arbeitete als Innenarchitekt im eigenen Geschäft. Meine Mutter war für den Verkauf in der Wohnboutique zuständig. Daneben schmiss sie den Haushalt, lehrte ihre Lehrtöchter, erzog fünf Kinder und war im Dorf aktiv. Eine moderne, berufstätige Frau, die auch unser Familienbild geprägt hat. Meine Frau und ich haben heute eine Familie mit vier Kindern, die älteste Tochter wird 18 die jüngste ist 10 Jahre alt. Wir beide sind beruflich im Schulwesen tätig – Sie stellen fest: dieses Familienbild lebt weiter. Beruf und Familie – das leben wir – sind für uns vereinbar.

Heimat ist auch die eigene Schulzeit. In dieser habe ich dann unter anderem gelernt, dass die Eidgenossen unser Land gegen äussere Feinde verteidigten. Ich war fasziniert von all den Heldentaten: 1291 der Rütlischwur, 1315 die Schlacht am Morgarten oder 1386 Winkelried an der Schlacht bei Sempach. Ich erinnere mich noch gut an meinen leider verstorbenen Lehrer Schmidig, der theatralisch erzählte, wie unsere Eidgenossen dem äusseren Feind entgegen traten. Wie Winkelried sich selbstlos mit ausgespannten Armen in die Speere der Habsburger wirft und sie sterbend niederdrückt, damit die Mauer der Ritter aufgebrochen werden kann.  Heroische Taten, die Spuren im Geschichtsverständnis hinterlassen haben. Später – in meinen Studienjahren in Rickenbach und Luzern wurde dann dieses Geschichtsverständnis durch fundierte Fakten ergänzt. Die Geschichtsforschung hat aufgedeckt, in welchen Zeiten solche heroische Geschichten aufgeschrieben wurden – welche Bedeutung ihnen beigemessen werden sollten. Wie sie auch als Geschichten in der entsprechenden Zeit verstanden werden müssen. Erst viel später in meiner Ausbildungszeit ist mir bewusst geworden, dass 1848 mit der Bundesverfassung die eigentliche Staatsgründung – die Nation Schweiz – entstanden ist. Dabei haben die Schwyzer sich mit den Sonderbundskantonen gegen dieses Bundeswerk gewehrt – es kam sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Bundestruppen. Die Skepsis gegen den Bund ist bis heute bei uns Schwyzern spürbar.

Heimat ist auch Kultur – ein weiterer Pfeiler meiner Verbundenheit mit diesem Flecken Erde. Wenn ich den Begriff Kultur verwende, denke ich vor allem an die Fasnachtskultur. Kaum ist die Fasnacht vorbei, zählen viele schon wieder die Tage, es sind übrigens 159, bis sie wieder beginnt und freuen sich darauf, aus dem Alltag auszubrechen. Diese Kultur habe ich hier in Sattel auch gefunden. Etwas - das ich aus Schwyz kenne. Und hier entdeckte ich als junger Lehrer das Verbindende zwischen den beiden Dörfern. Fasnacht kennt man in Schwyz – Fasnacht kennt man in Sattel. Wie schön diese Verbindung tönt haben wir letztes Jahr an der Jubiläumsfasnacht der Schwyzer Nüssler und der Fasnachtsrott Ibach erlebt. Alle narrentanztrommelnden Fasnachtsvereine aus Sattel, Brunnen, Steinen, Ibach und Schwyz nüsselten gemeinsam auf dem Hauptplatz ihren eigenen Tanz.

Sie stellen  bei meinen Ausführungen fest, dass wir mit dem Begriff Heimat in aller Regel die Vergangenheit und allenfalls ein bisschen Gegenwart verbinden. Heimat ist die Wurzel, aus der unser Leben wächst, und Heimatgefühle erleben wir dann, wenn uns unsere Verbundenheit mit diesen Wurzeln bewusst wird. Spannend wird es dann, wenn wir den Begriff Heimat als Zukunftsprojekt und Herausforderung betrachten. Wagen wir doch einen Blick in die Heimat der Zukunft – weg vom Talkessel – was wird in diesem, unserem Land wichtig sein?

Es nützt nichts, im Geschichtsverständnis eines Kindes zu verharren oder ein Familienbild zu formulieren, das nicht den Realitäten entspricht. Wir müssen uns den Anforderungen des Jahres 2007 stellen. Ja – noch viel besser – die zukünftigen Anforderungen der nächsten Jahre frühzeitig erkennen und voraus schauen. Darum braucht es weiterhin starke Persönlichkeiten, die in der Gemeinde, im Bezirk, im Kanton und Bund diese Fragen diskutieren, Entscheidungen fällen und Rahmenbedingungen in Gesetzen formulieren. Wir brauchen eine starke Politik, die alle Meinungen vertritt und nach Lösungen ringt. Zu den Grundpfeilern unseres Bundesstaates gehören der Wille und die Kraft, ihn zu gestalten. Der persönliche und direkte Einsatz von Bürgerinnen und Bürger ist eine Tugend, auf welcher die Erfolgsgeschichte dieses Bundesstaates gründet. Auf allen Ebenen, auf allen Sachgebieten opfern seit Generationen unzählige Menschen freiwillig und gratis Zeit für die politische Arbeit an Staat und Gesellschaft – das geht von der Feuerwehr bis zum Kantonsrat, vom Schulrat über die Parteiarbeit bis zum Musikverein Sattel, der heute an diesem „Nationalfirtigs-Brunch“ spielt. Denn nicht nur durch politische, sondern vor allem durch kulturelle Arbeit lebt unsere Gemeinschaft. Unser ganzes Land ist vernetzt durch Vereine und Institutionen, die der öffentlichen Sache dienen. Dieses Engagement Zehntausender ist unser demokratisches Sicherheitsnetz. Nie liessen sich Schweizerinnen und Schweizer diese Arbeit fürs gemeinsame Ganze nehmen, durch keine Macht und durch keinen Bundesrat-Oppositionsführer.

Damit diese Werte erhalten bleiben und dieses Land auch weiterhin auf dieser Erfolgswelle weiterreiten kann, habe ich drei Anliegen, die ich in meiner politischen Arbeit vertrete:

  1. Die Bildung ist der treibende Motor in diesem Land – dabei ist es wichtig, dass die Chancengerechtigkeit gewahrt wird. Was heisst das konkret? Unsere Kinder verdienen eine Schule, die alle Kinder in der Volksschule integriert. Sonderschulung darf bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen nicht die Regel sein, sie muss zur seltenen Ausnahme werden. Kinder lernen von Geburt auf und sie lernen gern. Wenn Kinder erfolgreich lernen wollen, müssen Eltern und Lehrpersonen aller Stufen den Rahmen schaffen, wo Kinder in allen Bereichen Anregungen und Herausforderungen finden, wo sie individuell gefordert und unterstützt werden. Das bedeutet Veränderung – auch im Schulbereich.
  2. Gerechtigkeit: Die Wirtschaft läuft hervorragend. Die Arbeitslosigkeit ist so tief wie schon lange nicht mehr. Alles in Butter? Ganz im Gegenteil. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie vom Aufschwung nicht profitieren. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass die Ungerechtigkeiten in dieser Zeit zu- und nicht abnehmen. Die Frage, welche die Leute momentan am meisten beschäftigt, ist die Frage der Gerechtigkeit. Ist es gerecht, wenn die Saläre der Manager 20, 30 oder mehr Millionen betragen und wenn gleichzeitig die Löhne durchschnittlich um 1 Promille wachsen? Ist es gerecht, wenn im Kanton Obwalden weniger Steuern zahlt, wer mehr verdient? Ist es gerecht, dass freisinnige Wirtschaftsführer die Swissair in den Abgrund reiten und danach auch noch dafür entschädigt werden? Nein, ist es nicht. Unserem Bundesstaat ist so lange Erfolg beschieden, als soziale Gerechtigkeit herrscht. Zu grosse Unterschiede zwischen Arm und Reich zerstören unsere Gesellschaft. Der Generalstreik 1918 war die Geburtsstunde der sozialen, gerechten Schweiz. Der Arbeitsfriede seit diesem Datum ist ein Garant für die Unternehmen, in unserem Land zu investieren. Seit fast 90 Jahren pflegen wir diesen Frieden. Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgebern bilden dafür ein wichtiges Fundament. Im Gegensatz zu vielen Nachbarstaaten kennen wir fast keine Streikhandlungen mehr. Dazu müssen wir Sorge tragen.
  3. Eine der grössten Stärken in der Schweiz ist der Zusammenhalt. Über Jahrzehnte und sprachliche Grenzen hinweg haben wir gelernt, dass Zusammenhalt stärkt und unser Land stark macht. Dazu gehört auch die Sensibilität für Minderheiten, vor allem für sprachkulturelle Minderheiten. Es gibt nicht wichtigere und weniger wichtige Sprachkulturen. Darum sind unsere Landessprachen wichtig – darum sind in diese auch zu investieren. Zum Engagement für den Zusammenhalt gehört auch die Auseinandersetzung. Die Schweiz ist politisch sehr streitfreudig: vor jeder Abstimmung, vor jeder Wahl. Die Kultur des ständig politischen Streitens besteht nicht darin, dass der politische Gegner zum Feind gemacht wird. Nein – wir wissen, bei aller Differenz in der Sache – wir gehören zusammen. Geben wir doch das weiter an unsere Kinder – politische Streitkultur ist lernbar.


Für mich ist es eine grosse Ehre, hier in Sattel meine erste 1. Augustrede in meinem Leben als Politiker halten zu können. Sattel ist eine Gemeinde, die in vielen Bereichen in den letzten Jahren sehr positive Zeichen in diesem Kanton gesetzt hat:

  • Ich denke da an die Solaranlage auf dem Schulhausdach, die ein Zeichen für die Investition in eine nachhaltige Umweltpolitik symbolisiert. In Zeiten der Klimadiskussion sind Taten gefragt – Sattel hat diese umgesetzt.
  • Beeindruckend ist auch das Engagement in die Drehgondelbahn Stuckli Rondo. Tourismus ist für unsere Region wichtig. Als Rickenbächler der bereits seit zwei Jahren auf die Wiedereröffnung der Luftseilbahn auf die Rotheflue wartet, bin ich manchmal sogar ein bisschen neidisch. Ihr Sattler habt das geschafft, von dem andere immer noch träumen.


Das sind Zeichen/Projekte die den Heimatbegriff von Sattel in Zukunft prägen werden. Ich danke Ihnen geschätzte Sattlerinnen und Sattler, dass sie mir die Gelegenheit ermöglicht haben, zu ihnen sprechen zu dürfen. Ich wünsche Ihnen allen einen ruhigen Nationalfeiertag und freue mich darüber, dass Visionen, die in der Gemeinde Sattel in Taten umgesetzt wurden, an anderen Orten als Vorbild dienen.

Andy Tschümperlin

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