Liebe Bürgerinnen und Bürger von Sattel
Geschätzte Damen und Herren
Vor 24 Jahren stand ich anfangs August auch hier in Sattel. Ich trat meine erste Stelle als Lehrer einer 2. Klasse an. Ich erinnere mich noch gut an meinen grossen Aufbruch von zu Hause. Abschied aus Schwyz – ich mietete zum ersten Mal in meinem Leben eine eigene Wohnung, in den Brunnern. Ich fühlte mich fremd. Ich kannte fast niemanden, trat meine erste Arbeitsstelle nach einer langen Ausbildungszeit mit 21 Jahren an. Musste aber am Ort wohnen, weil damals noch der Wohnsitzzwang für Lehrpersonen galt. Vermisst habe ich vor allem die beiden Mythen – vermitteln doch diese zwei stolzen Berge für mich das Gefühl von Heimat. Am Wochenende fuhr ich dann jeweils wieder nach Schwyz – dahin, wo ich mich wirklich zu Hause fühlte. Nur gerade 10 km von Schwyz entfernt, war für mich in diesem Lebensabschnitt das Fremde.
Inzwischen sind einige Jahre vorübergestrichen. Ich wohne wieder am Fusse der Mythen in Rickenbach - also im Talkessel von Schwyz. Da, wo ich mich daheim fühle. Ich habe mich schon viele Male gefragt: Warum habe ich dieses starke Heimatgefühl? Warum fühle ich mich mit diesem Stück Erde so verbunden? Warum zieht es mich nicht in die Fremde? Was hält mich hier? Heimat – was, wo und wer ist das?
Heimat war und ist Familie. Ich hatte das grosse Glück, in einer Familie aufwachsen zu können, die heute noch miteinander guten Kontakt pflegt. Alle meine Geschwister wohnen im Talkessel. Meine Eltern haben uns gelehrt, wie man miteinander umgeht, dass einem der Nächste nicht egal sein darf und dass die tägliche Arbeit Erfüllung bringt. Mein Vater arbeitete als Innenarchitekt im eigenen Geschäft. Meine Mutter war für den Verkauf in der Wohnboutique zuständig. Daneben schmiss sie den Haushalt, lehrte ihre Lehrtöchter, erzog fünf Kinder und war im Dorf aktiv. Eine moderne, berufstätige Frau, die auch unser Familienbild geprägt hat. Meine Frau und ich haben heute eine Familie mit vier Kindern, die älteste Tochter wird 18 die jüngste ist 10 Jahre alt. Wir beide sind beruflich im Schulwesen tätig – Sie stellen fest: dieses Familienbild lebt weiter. Beruf und Familie – das leben wir – sind für uns vereinbar.
Heimat ist auch die eigene Schulzeit. In dieser habe ich dann unter anderem gelernt, dass die Eidgenossen unser Land gegen äussere Feinde verteidigten. Ich war fasziniert von all den Heldentaten: 1291 der Rütlischwur, 1315 die Schlacht am Morgarten oder 1386 Winkelried an der Schlacht bei Sempach. Ich erinnere mich noch gut an meinen leider verstorbenen Lehrer Schmidig, der theatralisch erzählte, wie unsere Eidgenossen dem äusseren Feind entgegen traten. Wie Winkelried sich selbstlos mit ausgespannten Armen in die Speere der Habsburger wirft und sie sterbend niederdrückt, damit die Mauer der Ritter aufgebrochen werden kann. Heroische Taten, die Spuren im Geschichtsverständnis hinterlassen haben. Später – in meinen Studienjahren in Rickenbach und Luzern wurde dann dieses Geschichtsverständnis durch fundierte Fakten ergänzt. Die Geschichtsforschung hat aufgedeckt, in welchen Zeiten solche heroische Geschichten aufgeschrieben wurden – welche Bedeutung ihnen beigemessen werden sollten. Wie sie auch als Geschichten in der entsprechenden Zeit verstanden werden müssen. Erst viel später in meiner Ausbildungszeit ist mir bewusst geworden, dass 1848 mit der Bundesverfassung die eigentliche Staatsgründung – die Nation Schweiz – entstanden ist. Dabei haben die Schwyzer sich mit den Sonderbundskantonen gegen dieses Bundeswerk gewehrt – es kam sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Bundestruppen. Die Skepsis gegen den Bund ist bis heute bei uns Schwyzern spürbar.
Heimat ist auch Kultur – ein weiterer Pfeiler meiner Verbundenheit mit diesem Flecken Erde. Wenn ich den Begriff Kultur verwende, denke ich vor allem an die Fasnachtskultur. Kaum ist die Fasnacht vorbei, zählen viele schon wieder die Tage, es sind übrigens 159, bis sie wieder beginnt und freuen sich darauf, aus dem Alltag auszubrechen. Diese Kultur habe ich hier in Sattel auch gefunden. Etwas - das ich aus Schwyz kenne. Und hier entdeckte ich als junger Lehrer das Verbindende zwischen den beiden Dörfern. Fasnacht kennt man in Schwyz – Fasnacht kennt man in Sattel. Wie schön diese Verbindung tönt haben wir letztes Jahr an der Jubiläumsfasnacht der Schwyzer Nüssler und der Fasnachtsrott Ibach erlebt. Alle narrentanztrommelnden Fasnachtsvereine aus Sattel, Brunnen, Steinen, Ibach und Schwyz nüsselten gemeinsam auf dem Hauptplatz ihren eigenen Tanz.
Sie stellen bei meinen Ausführungen fest, dass wir mit dem Begriff Heimat in aller Regel die Vergangenheit und allenfalls ein bisschen Gegenwart verbinden. Heimat ist die Wurzel, aus der unser Leben wächst, und Heimatgefühle erleben wir dann, wenn uns unsere Verbundenheit mit diesen Wurzeln bewusst wird. Spannend wird es dann, wenn wir den Begriff Heimat als Zukunftsprojekt und Herausforderung betrachten. Wagen wir doch einen Blick in die Heimat der Zukunft – weg vom Talkessel – was wird in diesem, unserem Land wichtig sein?
Es nützt nichts, im Geschichtsverständnis eines Kindes zu verharren oder ein Familienbild zu formulieren, das nicht den Realitäten entspricht. Wir müssen uns den Anforderungen des Jahres 2007 stellen. Ja – noch viel besser – die zukünftigen Anforderungen der nächsten Jahre frühzeitig erkennen und voraus schauen. Darum braucht es weiterhin starke Persönlichkeiten, die in der Gemeinde, im Bezirk, im Kanton und Bund diese Fragen diskutieren, Entscheidungen fällen und Rahmenbedingungen in Gesetzen formulieren. Wir brauchen eine starke Politik, die alle Meinungen vertritt und nach Lösungen ringt. Zu den Grundpfeilern unseres Bundesstaates gehören der Wille und die Kraft, ihn zu gestalten. Der persönliche und direkte Einsatz von Bürgerinnen und Bürger ist eine Tugend, auf welcher die Erfolgsgeschichte dieses Bundesstaates gründet. Auf allen Ebenen, auf allen Sachgebieten opfern seit Generationen unzählige Menschen freiwillig und gratis Zeit für die politische Arbeit an Staat und Gesellschaft – das geht von der Feuerwehr bis zum Kantonsrat, vom Schulrat über die Parteiarbeit bis zum Musikverein Sattel, der heute an diesem „Nationalfirtigs-Brunch“ spielt. Denn nicht nur durch politische, sondern vor allem durch kulturelle Arbeit lebt unsere Gemeinschaft. Unser ganzes Land ist vernetzt durch Vereine und Institutionen, die der öffentlichen Sache dienen. Dieses Engagement Zehntausender ist unser demokratisches Sicherheitsnetz. Nie liessen sich Schweizerinnen und Schweizer diese Arbeit fürs gemeinsame Ganze nehmen, durch keine Macht und durch keinen Bundesrat-Oppositionsführer.
Damit diese Werte erhalten bleiben und dieses Land auch weiterhin auf dieser Erfolgswelle weiterreiten kann, habe ich drei Anliegen, die ich in meiner politischen Arbeit vertrete:
Für mich ist es eine grosse Ehre, hier in Sattel meine erste
1. Augustrede in meinem Leben als Politiker halten zu können. Sattel
ist eine Gemeinde, die in vielen Bereichen in den letzten Jahren sehr positive
Zeichen in diesem Kanton gesetzt hat:
Das sind Zeichen/Projekte die den Heimatbegriff von Sattel in Zukunft
prägen werden. Ich danke Ihnen geschätzte Sattlerinnen und Sattler,
dass sie mir die Gelegenheit ermöglicht haben, zu ihnen sprechen zu
dürfen. Ich wünsche Ihnen allen einen ruhigen Nationalfeiertag
und freue mich darüber, dass Visionen, die in der Gemeinde Sattel
in Taten umgesetzt wurden, an anderen Orten als Vorbild dienen.
Andy Tschümperlin