Jugendgewalt

14. Juli 2007 - Kultur des Hinschauens, klare Grenzen und soziale Integrationsmassnahmen kombinieren

«Wir brauchen eine Politik, welche die Jugendgewalt nachhaltig eindämmt und zwei bislang oft getrennte Handlungsebenen vereint: die kurzfristige Intervention und die langfristige Ursachenbekämpfung und Prävention. Eine Kultur des Hinschauens, klare Grenzen und soziale Integrationsmassnahmen zur Gewaltprävention müssen geschickt miteinander verwoben werden», erklärte Nationalrätin Evi Allemann, Autorin des Grundlagenpapiers der SP-Fraktion zur Jugendgewalt, an einem Point de presse am Donnerstag in Bern. Eindimensionale Ansätze taugen nicht. Wegleitend muss eine gute Balance zwischen Prävention, Schutz und Intervention sein. Grenzen setzen und die Selbstverantwortung stärken ist das eine, auf der anderen Seite braucht es aber auch Zukunftsperspektiven und eine hohe soziale Integration der Jungen in die Gesellschaft. Bei allen Diskussionen dürfen wir nicht vergessen, dass nur ein kleiner Prozentsatz von Jugendlichen wegen gewalttätigem Verhalten auffällig werden; die jungen Menschen in unserem Land dürfen nicht allgemein schlecht geredet werden. Um die Bestrebungen zur Eindämmung der Jugendgewalt optimal zu koordinieren, fordert die SP Schweiz eine nationale Konferenz gegen Jugendgewalt (07.3485 Motion Allemann).

Die jüngsten Jugendgewalt-Vorfälle haben die Öffentlichkeit schockiert. Das Phänomen Jugendgewalt ist nicht neu, geriet in letzter Zeit aber vermehrt in den medialen und gesellschaftlichen Fokus, betonte Allemann. Jugendgewalt kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Erfahrungen von Gewalt in der Familie und im sozialen Umfeld, sozioökonomische Belastungen oder schlechte Zukunftsperspektiven etwa erhöhen die Bereitschaft zu Gewaltanwendungen. Eine nachhaltige Gewaltprävention muss also diese Risikofaktoren entschärfen. Dazu müssen wir die sozialdemokratische Politik der sozialen Integration aktiv fortführen, dürfen uns aber nicht scheuen, hinzuschauen und entschlossen Grenzen zu setzen. Folgende Handlungsgrundsätze sind wegleitend: Balance zwischen Prävention, Schutz und Intervention; Grenzen setzen und Selbstverantwortung stärken; Zukunftsperspektiven schaffen; gesamtes Umfeld einbeziehen; Massnahmen früh ansetzen; stereotype Geschlechterrollen aufbrechen. Die Palette der konkreten Massnahmen ist breit: von der Förderung elterlicher Erziehungskompetenzen über die Schaffung polizeilicher Jugenddienste mit speziell geschulten Jugendpolizist/innen hin zu Interventionskonzepten an Schulen oder verstärkter Schulsozialarbeit müssen in den drei Kreisen Familie, Schule/Ausbildung und Nachbarschaft/Gleichaltrige/soziales Umfeld gezielt Massnahmen ergriffen werden.

«Für Menschen, die sich beruflich mit Jugendlichen auseinandersetzen, ist Gewalt und Aggression ein tägliches Thema. Aggressives Verhalten gehört zur Jugendphase, vor allem bei Knaben», sagte der Schwyzer Nationalrat und Schulleiter Andy Tschümperlin. Die Debatte um Gewalt darf nicht zur ideologischen Positionierung von Parteien dienen. Vielmehr gilt es, die vielfältigen Hintergründe abzuklären, genau hinzuschauen und Interventionen anzupacken. Massnahmen müssen sehr gezielt getroffen werden. Projekte wie RADAR in der Stadt Zürich, PEPPerMIND in Adliswil (ZH) und Peacemaker in Ostermundigen (BE) sind gute Beispiele dafür. «Aus meiner Erfahrung als Schulleiter einer Schule mit 180 Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 17 Jahren sind folgende drei Punkte wichtig, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu vermindern», betonte Tschümperlin: «Junge brauchen Regeln; sie brauchen auch die Erwachsenen als Gegenspieler, und sie müssen lernen, Konflikte friedlich auszutragen – Erwachsene haben hier eine wichtige Vorbildsfukntion».

Selten vergeht ein Tag, ohne dass Gewalt von Jugendlichen auf den Titelseiten unserer Magazine steht, sagte Nationalrätin Géraldine Savary. Dies ist besonders frappant in den Gratisblättern, die vor allem von den unter Zwanzigjährigen gelesen werden. Ergebnis: Die Überbetonung dieser Vorfälle hat zweierlei Folgen: Sie gibt der Bevölkerung das Gefühl, dass die Jugend das soziale Gleichgewicht bedroht, und sie zeigt den Jugendlichen ein desolates Bild ihrer eigenen Generation. Dieses Bild ist sowohl gefährlich für die anderen als auch für die Jugendlichen selbst. In Wirklichkeit sind sie Opfer eines Zerrspiegels. Die Politik muss unverzüglich reagieren, die Tatsachen klarstellen und die Dinge auseinanderhalten.

 

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