Am 19. Oktober 2003 werden die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger entscheiden, von welchen Politikern sie sich in den nächsten vier Jahren im Parlament in Bern vertreten lassen wollen. Plakate, die zu wählende Ständerats- und Nationalratskandidaten zeigen, findet man derzeit darum überall, an Strassenrändern, Hauswänden und Mauern. Auch dem Gesicht von Andy Tschümperlin begegnet man momentan oft. Warum kandidiert der SP-Politiker, was ist ihm wichtig und wie steht er zu Themen wie der EU oder der UNO?
Andy Tschümperlin-Gamma
Der Monat August neigt sich dem Ende zu und ich bin mir ziemlich
sicher, am 19. Oktober für Andy Tschümperlin zu stimmen. Einfach
weil er eben mein Nachbar ist und ich ihn nett finde und so. An diesem
Entschluss zweifle ich nicht, noch beschäftige ich mich sonderlich
damit, als ich an jenem Montagabend durch die Fuchsmatt spaziere, einem
Wohnquartier mit etwa dreissig Einfamilienhäusern in Rickenbach ob
Schwyz. In dieser Siedlung ist draussen immer etwas los, auch heute; während
meine Nachbarn eine Terrassenparty feiern, sind ein paar Mädchen mit
dem Einstudieren eines Tanzes beschäftigt, andere Kinder üben
sich am Klettergerüst als Bergsteiger und einige Jungen spielen mit
Plastikpanzern und Spielzeugsoldaten Krieg. Ich denke an den offiziell
für beendet erklärten Krieg im Irak, wo keine Kinderspielfiguren
kämpfen und sterben, und an mein bevorstehendes Gespräch mit
Andy, dem ich du sage. Wie wird er wohl meine Fragen beantworten? Viel
Zeit bleibt mir nicht, darüber nachzudenken, denn schon bin ich angekommen
vor der roten Haustüre der Fuchsmatt 5, wo Cornelia, Andy, Raphaela,
Jonas, Samuel, Angelina Tschümperlin-Gamma auf dem Schildchen unter
dem Klingelknopf steht. Darüber ist ein Foto der vier Tschümperlin-Kinder,
die zwischen sechs- und 14jährig sind, zu sehen. Entlang der Hauswand
stehen einige Töpfe mit mir als Menschen, der keinen grünen Daumen
besitz, nicht identifizierbaren Pflanzen, ein Fussball liegt am Boden und
daneben ein Eimer mit bunten Strassenkreiden. Ich klingle, Raphaela, die
älteste Tochter, öffnet und geht vor mir her durch das Wohnzimmer,
hinaus in den kleinen Garten, ein von Büschen umzäunter Sitzplatz
mit Pflanzen, Bänken und einem Gartentisch.
An diesem sitzt Andy Tschümperlin. Der Familienvater hilft Raphaela
gerade bei den Hausaufgaben, Mathematik steht für die Sekundarschülerin
auf dem Programm. Die 14-Jährige sagt, sie werde zuerst die Aufgaben
machen, die sie könne, aber ich wende ein, sie sollten doch noch schnell
fertig machen, und da Lehrer Tschümperlin hilft, geht alles ganz logisch.
„Jetzt musst du schauen, wie viele Kilometer der in 120 Minuten macht.“,
sagt er und fragt, ob ich etwas zu trinken wolle. Ich verneine, da ich
gerade vom Abendessen komme.
Raphaela räumt ihre Sachen weg, Aufgabenblatt, Taschenrechner,
Bleistift, und ich packe meinen Notizblock und einen Kugelschreiber aus.
Andy schaut mir dabei zu, Raphaela geht ins Haus, und ich frage ihren Vater,
was ihm durch den Kopf gehe, wenn er an den 19. Oktober denke. „Jessesgott“,
lautet seine Antwort, „wänn dass soo wäär, dänn müässt
ich ja und sött und …“. Noch etwas weniger als zwei Monate dauert
es bis zu den Parlamentswahlen. „Einen Rattenschwanz von Konsequenzen“
würde es haben, wenn er in den Nationalrat gewählt werden würde,
sagt er. Als Nationalrat hätte Andy nicht mehr so viel Zeit, sich
so stark zu engagieren – der Reallehrer ist auch Schulleiter der Mittelpunktschule
Steinen, wo er seit 1998 unterrichtet. Auch seine Kinder wissen, dass ihr
Papi bei einer Wahl dann zeitweise nicht mehr zu Hause wäre, sondern
in Bern. National- und Ständerat tagen in vier ordentlichen Sessionen,
welche je drei Wochen dauern, im Jahr. Eine ausserordentliche Session wird
durchgeführt, wenn der Bundesrat, ein Viertel der Nationalräte
oder fünf Kantone es beantragen.
Der Nationalrat, der das Schweizer Volk vertritt, zählt 200 Mitglieder.
Die Sitze werden unter die Kantone im Verhältnis zu ihrer Wohnbevölkerung
verteilt, beim heutigen Bevölkerungsstand kommt darum auf je 35’000
Einwohnerinnen und Einwohner ein Sitz. Jeder Kanton wählt jedoch mindestens
eine Vertreterin oder einen Vertreter, selbst dann, wenn seine Bevölkerung
unter 35’000 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt.
Eigentlich hatte Andy ja gar nicht vorgehabt, für den Nationalrat
zu kandidieren. Im Gegenteil, als Teil der Parteispitze fragte er andere
Parteimitglieder für eine Kandidatur an und blieb im Hintergrund.
Doch er spürte, „es gaad nid a miär verbii“. Parteiintern habe
er auch einmal nein gesagt, aber dann, da er ja schon seit sieben Jahren
politisiere, irgendwann könne man nicht mehr nein sagen, denn es gäbe
auch Leute, die Erwartungen in dich setzten … erzählt der SP-Politiker
und man spürt, wie hin und her gerissen er gewesen sein musste zwischen
einem Entscheid für oder gegen eine Kandidatur. Schliesslich sagte
er aber dann doch zu. Aus Überzeugung, nicht unter Druck, wie er das
richtig stellt. Und so wurde der Fraktionschef im Kantonsrat, Andy Tschümperlin-Gamma
aus Rickenbach, an der Nominationsversammlung der SP der Gemeinde Schwyz
vom 24. März 2003 als Nationalratskandidat nominiert.
Seit 1919 erfolgen die Wahlen in den Nationalrat nach dem Proporz-
oder Verhältniswahlsystem, das heisst, die Sitze werden im Verhältnis
zu den erzielten Parteistimmen auf die Parteien verteilt. Eine Ausnahme
bilden die Kantone, die auf Grund ihrer Einwohnerzahl nur eine Vertreterin
oder einen Vertreter in den Nationalrat entsenden können, hier gilt
die Majorz- oder Mehrheitswahl. Die Nationalratswahlen sind im Kanton Schwyz
in diesem Jahr besonders spannend, denn Schwyz hat ein weiteres Mandat
hinzugewonnen; neu wird der Innerschweizer Kanton im Nationalrat so durch
vier statt nur durch drei Personen vertreten werden. Während CVP und
FDP versuchen, wie bisher je einen Sitz zu behalten, werden wohl die SP,
die vor acht Jahren ihren Sitz an die SVP verlor, und die SVP, die vor
vier Jahren einen zweiten Sitz in Griffnähe hatte, um den neu gewonnenen
Sitz kämpfen.
„Was isch waas?“, ruft Andy so plötzlich, dass mir beinahe der
Kugelschreiber aus der Hand gefallen wäre, in Richtung der offenen
Verandatür ins Hausinnere. „Cornfalkes? Popcorn? Ja chönd scho
mache, d’Raphaela weiss wiä …“. Die Mutter und Religionslehrerin Conny
ist an einem Elternabend.
Dann erklärt der Parlamentssitzbewerber, den Arm relaxt auf der
Lehne der Bank abgestützt, er möchte gern in den Nationalrat,
weil man einem dann zuhören würde, man bekomme die Möglichkeit,
politische Botschaften, die einem wichtig sind, besser zu verbreiten. Er
grüsst einen vorbeispazierenden Nachbarn und erzählt danach,
welche politischen Botschaften ihm wichtig sind. Dass er Ungerechtigkeit
nicht ertrage und er sich dagegen auch schon mehrmals aufgelehnt habe.
„Die Verteilung des Geldes zwischen Arm und Reich zum Beispiel stimmt nicht
in der Schweiz, das geht doch nicht – in einem Rechtsstaat.“ Es ist kein
Zufall, dass Andys Lieblingsmusik Reggae ist, welche soziale Ungerechtigkeit
besingt, und am Liebsten mag er Bob Marley, den jamaikanischen „Vater des
Reggae“, den er auch einmal live sah.
Andy Tschümperlin wuchs in einer Grossfamilie in Schwyz auf. Nachdem
er das Lehrerseminar abgeschlossen hatte, absolvierte er die Weiterbildung
zum Reallehrer. Während dieser Zeit weckte ein Dozent sein Interesse
für die Entstehung und Hintergründe sozialer Fragen. Seit 1991
gehört Andy der SP Schwyz an, seit 1996 sitzt er im Kantonsrat und
1999 wurde er Fraktionspräsident. Er war auch für drei Jahre
Teil der Jugendkommission der Gemeinde Schwyz und für fünf Jahre
Mitglied der Kommission für Suchtfragen des Kantons Schwyz. Ausserdem
präsidierte Andy Tschümperlin die Kommission für Gesundheit
und Soziale Sicherheit und war 1996 bis 1998 Präsident der Bürgerrechtskommission.
Vereinen wie den Schwyzer Nüsslern, dem Skiclub Schwyz, WWF und Greenpeace
gehört er ebenfalls an. Früher war er in der Jungwacht und dem
Handballclub STV Schwyz.
Während er meine Fragen beantwortet, erwidert, erzählt und
erklärt, fährt Andy mit den Fingerspitzen an der Tischkante entlang,
streicht das dunkelblaue Plastiktischtuch mit den verschiedenen Blumen
darauf glatt. Eine nicht glatte, sondern eher wilde, energische Bewegung
habe ihn in seiner Jugend geprägt: die 68er. Obwohl er nicht direkt
daran beteiligt gewesen sei, bekam er doch viel mit von den damaligen Jugendunruhen,
hatte zum Beispiel 68er-Lehrer und -Nachbarn wie etwa den Schwyzer Jürg
Krummenacher, heute Direktor der Caritas Schweiz.
„Warum d’SP?“, will ich wissen und erfahre, dass im Kanton Schwyz die
SP die einzige Partei sei, die sich den Fragen der Gerechtigkeit wirklich
annehme. In diesem Kanton brauche es eine starke SP als Gegengewicht zur
bürgerlichen Übermacht. Andy Tschümperlin sieht seine Partei
als Vertreterin der Arbeitnehmer und findet, dass dieses Thema für
die anderen Parteien gar nicht existiere, die CVP rede zwar davon, aber
für die anderen gäbe es nur die Börse, Kapital, Wirtschaft
...
Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz, die SP Schweiz, wurde am
21. Oktober 1888 in Bern gegründet und hat heute knapp 40’000 Mitglieder
in 1’123 Sektionen – davon sind gut ein Drittel Frauen. Die SP setzt sich
für eine soziale Schweiz ein, sie will in und mit Europa die Demokratie,
Vollbeschäftigung, die Rechte der Frauen und den ökologischen
Umbau fördern.
Andy hat eine weisse Plastikwäscheklammer, die auf dem Tisch lag,
in den Händen und spielt damit herum, unbewusst, während er die
Politiker aufzählt, die er gut findet. Allen voran Moritz Leuenberger,
den SP-Bundesrat und Verkehrsminister. „Ich finde es einfach sensationell,
wie er redet und auftritt.“, sagt mein Gesprächspartner und dreht
die Wäscheklammer um ihre eigene Achse. Auch Ruth Dreifuss mag er
(„sie ist sehr normal und ging damit vielen Leuten auf die Nerven. Wenn
sie halt eine Helly-Hansen-Jacke anhatte, dann hatte sie eben eine Helly-Hansen-Jacke
an, das war ihr gleich …“) und Alexander Tschäppät (Berner SP-Nationalrat
mit Bodenständigkeit, so Andy). Die neuste SP-Bundesrätin, Aussenministerin
(oder wie es auf einem Plakat der SP Schweiz heisst: Aussen Ministerin.
Innen sozial.) Micheline Calmy-Rey gefällt ihm auch, weil sie ihn,
wenn sie redet, an seine welsche Grossmutter erinnert und weil sie macht,
was sie für richtig hält.
Das tut der Politiker Tschümperlin auch. Unter anderem setzt er
sich für eine gerechte Besteuerung von Familien mit kleinen und mittleren
Einkommen ein, für eine Erhöhung der Kinderzulagen, in der Bildungspolitik
für eine Förderung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen.
In der Integrationspolitik sind ihm ein faires Einbürgerungsverfahren
und die Integration von Müttern fremdsprachiger Kinder besonders wichtig.
Andy Tschümperlin war ein Hauptinitiant der Volksinitiative, die eine
volle Ausschöpfung der Prämienverbilligung der Krankenkassen
verlangte. Mit dem Druck der Initiative konnte die Prämienverbilligung
im Kanton Schwyz gezielt ausgebaut werden. Heute profitieren viele Familien
mit Kindern von den Ermässigungen.
Natürlich interessiert mich, was der SPler über Christoph Blocher, den vielleicht beliebtesten, vielleicht beklopptesten oder aber sicher bekanntesten SVP-Politiker, denkt. Seine Antwort ist sehr höflich formuliert: „Er ist ein absoluter Polemiker, aber sehr geschickt.“ Dann fügt er hinzu: „Aber eigetlich doch en Chotzbrockä!“ Ich äussere meine Befürchtungen, die Schweiz könnte einmal von einem Bundesrat Blocher vertreten werden, doch Andy winkt ab, sagt „de Blocher isch verbii“, obwohl er vielen Leuten gefalle, aber das Parlament würde ihn nie wählen. Ich bin erleichtert und beschliesse, für einmal das Thema Politik auf die Seite zu legen. Daraufhin erfahre ich, dass Andys Hobbys die Fasnacht sind, Mountainbiking, Ski fahren, Snowboarden und sein Garten, dass sein Lieblingsbuch Meinrad Inglins 1922 erschienener Roman Die Welt in Ingoldau ist, das kritisch mit den Schwyzern abrechnet, und dass sein Lieblingsfilm Der mit dem Wolf tanzt mit Kevin Costner ist. Andy beschäftigt sich wieder mit der weissen Wäscheklammer und beantwortet mir nebenbei noch weitere (schon wieder politikorientierte) Fragen. Diese handeln zum Bespiel von der UNO („E suuberi Sach“, man sieht’s ja jetzt, der Irakkrieg hätte nie passieren dürfen. Überhaupt hat es noch nie einen Krieg gegeben, bei dem man danach sagte, doch, das war gut, es hat sich gelohnt.“) oder der EU („Es ist klar, dass die Schweiz in die EU muss.“ Und: „Wir sind im Zentrum der EU, die meisten Handelspartner der Schweiz sind EU-Staaten, die Schweiz gehört auch dorthin!“). Die Zeit vergeht, die Sonne ist bereits im Westen untergegangen und im Lauerzersee versunken. Obwohl nun ihre wärmenden Strahlen ausbleiben und wir immer noch draussen, auf den Bänken am Tisch im Garten der Fuchsmatt 5, sitzen, ist es nicht kalt. Ein lauer Sommerwindhauch huscht über das Blatt Papier, auf dem ich mir fleissig Andys Aussagen, Argumente und Antworten notiere, in meiner hässlichsten Schnellschreibschrift, hoffentlich werde ich diese Hieroglyphen später überhaupt noch entziffern können! Sonst würde ich wohl nochmals wiederkommen müssen, wogegen ich eigentlich nichts einzuwenden hätte, es ist sehr interessant, sich mit diesem Mann zu unterhalten, die Atmosphäre ist locker und warm wie der heutige Sommerabend.
Doch ich glaube, es ist Zeit, meinen Gesprächspartner in seinen wohlverdienten
Feierabend zu entlassen und so packe ich mein Zeug zusammen, stopfe Schreibzeug
und Blätter in den Rucksack zurück. Ich höre, wie Andy ins
Obergeschoss, Richtung Kinderzimmer, ruft: „Chinde, söttet is Bett!“
Es ist sieben vor neun, um 20 Uhr 30 hätten sie schlafen gehen sollen,
gibt der Familienvater zu. Durch das Wohnzimmer Richtung Haustüre
gehend bemerke ich die leere Tüte Popcorn auf dem Esstisch. Ich schüttle
Andy die Hand und bedanke mich für das Gespräch und dass er sich
dazu die Zeit nahm. Es ist neun Uhr abends. Ein lauer Wind begleitet mich
auf meinem Heimweg durchs Quartier, dunkel ist es geworden, in den Häusern
brennt zwar noch Licht, aber Kinder spielen keine mehr draussen. Schliesslich
ist morgen wieder Schule.
Ich habe das Gefühl, soeben ein sehr gutes, interessantes und
lehrreiches Gespräch beendet zu haben, durch welches ich viel über
diesen Mann, einen der vielen Kandidaten um einen Sitz im Nationalrat,
und seine Ansichten zur Schweiz, ihren Politikern und ihrem politischen
System erfahren konnte. Ja, ich werde am 19. Oktober den Familienvater,
Lehrer, Schulleiter, Politiker und nebenbei Nachbarn Andy Tschümperlin
wählen. Nicht mehr einfach so. Sondern weil ich überzeugt bin,
dass ein Mann wie er für die Schwyzer und Schweizer im Nationalrat.
Naomi Shafer, KKS G5d