Für eine offene Schweiz

1. August 2003 - Zum Nationalfeiertag

Die Schweiz feiert angeblich heute den 712. Geburtstag. Obwohl die Feierlichkeiten am 1. August historisch gesehen wenig belegt sind, lohnt es sich, zur Schweiz einige Gedanken zu machen. Die 1. August-Feier entstand nämlich so, wie in der Schweiz vieles entsteht: indem wir kopierten, was im Ausland bereits eingeführt war. Am Ende des 19. Jahrhunderts blühte in Europa der Nationalismus. Durch die Schaffung von Nationalfeiertagen wurde das Selbstbewusstsein zur Schau gestellt. Frankreich rief 1880 den Quatorze Juillet aus, das Deutsche Reich feierte den Geburtstag des Kaisers. Am 1. August 1891 wurde der Geburtstag in der Schweiz zum ersten Mal gefeiert.

Sollten wir uns also vom Feiern des Mythos verabschieden? Ich meine nein. Denn es ist Zeit, dass wir uns auf die positiven Werte zurückbesinnen, auf die wir stolz sein können, und sie im 21. Jahrhundert weiterentwickeln. Zu den positiven Schweizer Werten gehören die direkte Demokratie, die Volksrechte, die Integration von Minderheiten, die humanitäre Tradition der Schweiz, die aktive Neutralität und die guten Dienste, die wir in internationalen Konflikten anbieten können. Ebenso gehört dazu das Zusammenleben mehrer Sprachgemeinschaften, die Sozialwerke, allen voran die AHV und ein starker „service public“, symbolisiert in der SBB und der Post. Vieles davon verdankt die Schweiz unseren Grossmüttern und Urgrossvätern der Arbeiterbewegung und Generationen von Einwanderern, die hier heimisch wurden und unseren Wohlstand mit aufgebaut haben. Wenn wir für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewappnet sein wollen, müssen wir an diesen Werten und Leistungen ansetzen. Was braucht es dazu?

Einen mentalen und politischen Wandel. Es ist höchste Zeit wieder in den Menschen in diesem Land zu investieren: Dazu gehört eine Bildungs- und Innovationsoffensive und eine moderne Migrations- und Einbürgerungspolitik. Zur Schweizer Vielfalt gehören auch die in der Schweiz lebenden Ausländerinnen und Ausländer. Sie tragen zu unserem Wohlstand bei und sind in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung. Dabei müssen wir ihnen die Integration erleichtern. Im Gegenzug müssen sie sich wie alle an die Schweizer Regelungen halten. Wer hier lebt, soll auch die Hausordnung befolgen. Im Sinne der Integration sind Einbürgerungen für die zweite und die dritte Generation zu erleichtern. Grundsätzlich müssen alle Einbürgerungsentscheide nachvollziehbar und begründet sein - Einbürgerungsentscheide an der Urne genügen diesen Kriterien nicht.

Ich wünsche uns eine selbstbewusste Schweiz, die es nicht nötig hat, sich einzuigeln. Die Schweiz braucht Weltoffenheit und Toleranz, nicht Isolation und politisches Reduit. Wir haben nur eine Zukunft, wenn es uns bei allen Problemen gelingt, die Schweiz zu öffnen, nicht nur für Kapital und Schwerverkehr, sondern für Menschen und Ideen.
 

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