Meine Berner Woche

Frühlingssession 2008: 1. Woche

Mulmiges Gefühl und Penalty-Tor

Bevor eine Session anfängt, fühle ich mich jeweils so wie früher vor dem Einrücken in einen WK ins Militär. Meine Laune hat dann jeweils mein Umfeld zu ertragen. Am Montag war es also wieder soweit. Nachdem alle Kinder und meine Frau das Haus verlassen haben, packe ich einen ganzen Koffer voll Papiere und fahre mit Vollgepäck mit Bus und Zug nach Bern. Nachdem ich dieses in meinem Zimmer in unserer Männer-WG abgestellt habe, folgt dann die Ankunft im Bundeshaus, das Begrüssen der Kolleginnen und Kollegen und das Einrichten des Arbeitsplatzes im Saal. Gar nicht so einfach mit diesen vielen Papieren – gottlob haben wir aber heute ein gute Informatikausrüstung – alle Dokumente sind auch in digitaler Form abrufbar. Dann folgen die Geschäfte der Frühjahrsession, drei aus dem ersten Tag:

Die Bereinigung des Bundesrechts ist eine eigentliche Daueraufgabe. Im Alltagsgeschäft geht diese gerne vergessen. Es ist aber wichtig, dass die Gesetzgebung aktualisiert ist. Gesetze wie zum Beispiel: das Bundesgesetz vom 23. Juni 1944 über die Konzessionierung der Hausbrennerei oder das Bundesgesetz vom 22. August 1878 betreffend Gewährung von Subsidien für Alpenbahnen konnten aus der Sammlung gestrichen werden.

Haben Sie gewusst, dass der Bund einen Erneuerungsfonds für Hochseeschiffe hat? Jährlich werden 73 Mio Franken in diesem Fonds angehäuft, um den privaten Schifffahrtsgesellschaften günstigere Konditionen zur Finanzierung ihrer Schiffe zu ermöglichen.

Tschutten gegen die Post
Aussenpolitik mit einem Bericht über das Jahr 2007 beherrschte die Diskussionen heute Morgen im Nationalratsaal. Diese wurde hart attackiert von der selbst ernannten Oppositionspartei. Nichts Neues unter der Kuppel. Bundesrätin Calmy-Rey ist diese verbalen Attacken der Scharfmacher gewohnt. Sachlich verteidigte sie die Anerkennung des Kosovos. Weder die Neutralität noch das Völkerrecht seien verletzt worden. Die Schweiz anerkennt einen Staat, indem objektive Kriterien bei der Prüfung angewandt werden. Dadurch bleibt die Schweiz unparteilich. Apropos Scharfmacher – beim Redner aus dem Kanton Zürich kommt mir die satirische Darstellung aus der Sendung von Giacobbo & Müller am Sonntagabend in den Sinn: Es ist eine erstaunliche Begabung, einen Menschen so genau beobachten und nachmachen zu können. Schmunzeln!

Am Abend dann mein erstes Spiel mit dem FC Nationalrat gegen die Post im Stade de Suisse. Im hellbeleuchteten Stadion, in dem üblicherweise Hakan Yakin mit seinen Young Boys Mannschaften aus der Super League empfängt, spielen 10 Männer und Maya Graf von der Grünen Partei gegen die Geschäftsleitung der Post. Nach anfänglicher Druckphase der Pöstler gelingt es unserer Mannschaft das Spiel klar zu unseren Gunsten zu drehen. Mit 7 zu 1 schlagen wir die Pöstler, alle Tore haben wir selber geschossen – das Gegentor war ein Eigentor – den Penalty konnte ich versenken. Es tut gut, einmal etwas anderes zu machen und die Kollegen und Kollegin aus dem Nationalrat von einer anderen Seite kennen zu lernen.

Der nächste Tag: Ich bin nicht mehr 20
Fussballspielen macht Spass, wenn nicht der folgende Morgen kommen würde. Die Muskeln schmerzen und meine Achillessehne spannt. Ja – mit meinen 46 Jahren und einigen Pfunden Übergewicht sollte man eigentlich nicht mehr Fussball spielen. Nichts desto trotz hat es Spass gemacht. Am Morgen stimmt der Rat der Finanzhilfe für das Verkehrshaus zu. Es ist über alle Fraktionen unbestritten, dass das Verkehrshaus, das Museum mit den grössten Besucherzahlen der Schweiz, unterstützt werden soll. Anschliessend werden einige Parlamentarische Initiativen debattiert.
Mit unserem neuen Präsidenten Christian Levrat und meinem WG-Genossen Eric Nussbaumer esse ich dann in einer Berner Pizzeria das Mittagessen. Ich staune, wie Christian all seine Aufgaben unter einen Hut bringt. Familienvater, Arbeit als Gewerkschafter bis Juni, Präsident der SP Schweiz und Politiker im Nationalrat. Die Diskussionen werden abwechselnd in französischer und deutscher Sprache geführt. Zur Sprachenfrage: Es ist halt einfach so – in Bern spricht man in diesen Sprachen miteinander.

Nach dem «Taser» geht’s nach Hause
Im kalten Wintermorgen mache ich mich auf zum Bundeshaus. Mit Bus und Tram bin ich rund 15 Minuten unterwegs. An der Eingangskontrolle zeige ich meinen Batch und zum letzten Mal in dieser Woche rüste ich mich mit den aktuellen Tageszeitungen aus. Ein grossartiger Service, den wir hier bekommen. Fast alle Tageszeitungen sind aufgelegt. Dann folgen einige für mich wichtige Geschäfte, die ich als Delegationsverantwortlicher der staatspolitischen Kommission betreue. Der Nationalrat entscheidet zum zweiten Mal für den Einsatz der «Taser»-Waffe beim Zwangsanwendungsgesetz. Somit kommt dieses Geschäft in die Einigungskonferenz. Die Organisation der Absprachen zwischen Ständerat und Nationalrat werden mir übergeben.
Dazwischen besuchen einige Klassen aus dem Kanton Schwyz das Bundeshaus. Peter Föhn hat mich eingeladen. Ich staune über die Fragen, die die Schülerinnen und Schüler stellen. Sie sind sehr gut vorbereitet. Fragen über Menschenrechte, die Anerkennung des Kosovos und Familienpolitik sind einige davon. Föhn spricht vom Muotathal, als ob alles mit den Verhältnissen des «Tals» verglichen werden könnte. Eigentlich gut so, er spielt mir die Themen schön zu, die ich dann jeweils gut beantworten kann. Diese Besuche sind für mich eine willkommene Abwechslung – endlich kann ich meine Lehrerfähigkeiten wieder einmal voll ausleben.

Jetzt sitze ich im Zug Richtung Zug. Heute Nachmittag werde ich um 16.00 Uhr an einer Sitzung erwartet. Ich freue mich auf Zuhause, die Familie und den Schnee auf meinen Mythen.

Andy Tschümperlin

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