Meine Berner Woche

9. Juni 2007 - Wo bitte muss man drücken?

Der Montag war beeindruckend, emotional. Vor allem die Begleitung von Meiri, dem Ehemann von Josy Gyr, freute mich und gab dem Anlass etwas Besonderes. Meine Familie war dabei, das war schön. Als Familienvater brauche ich diese Unterstützung, sie gibt Kraft. Hinein ins Bundeshaus, es ist schon fast halb drei, die Session beginnt.

Mein Pult ist bereits mit Papieren eingedeckt. Bis oben. Geschäfte, Kommissionen, Positionspapiere – viel Lesestoff für die wenigen freien Stunden. Dann der Moment der Vereidigung – vor dem Wandbild mit Blick aufs Rütli und auf Schwyz, meinem Heimatort. Ruhe im Saal, alle stehen auf und mit Würde liest Christine Egerszegy die Eidesformel vor. Mit den drei Schwurfingern schwöre ich auf die Verfassung und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen. Dann Applaus, Gratulationen und rote Rosen. Zurück ans Pult und an die Arbeit.

Neu und gewöhnungsbedürftig sind die Hektik und der Lärm im Nationalratssaal. Überall wird gesprochen und diskutiert. Ich kenne ja das Bild aus dem Fernsehen, habe schon viele Witze darüber gehört. Es ist wirklich störend. Dieser Eindruck verändert sich. Einerseits wird es im Verlaufe des Tages im Saal ruhiger, andererseits sehe ich, wie meine Kolleginnen und Kollegen von Sitzung zu Sitzung eilen. Die Debatte im Rat ist gut organisiert und vorbereitet. Die Geschäfte werden vor der eigentlichen Ratsdebatte in Kommissionen und Fraktionen bereits vordiskutiert und die Meinung gemacht. Geredet wird vor allem für die Presse und das Publikum. Diese Parlamentsarbeit hat seit vielen Jahrzehnten Tradition.

Die erste Abstimmung steht an. Welchen Knopf muss ich jetzt drücken? Banknachbar Hugo Fasel erklärt mir: Mit der linken Hand den Knopf an der Stirnseite des Pultes gedrückt halten und mit der Rechten ja oder nein drücken. Mein Ziel ist es, den „Enthaltungs“-Knopf nicht zu benutzen. Schon im Kantonsrat habe ich immer Position bezogen – meine Wählerinnen und Wähler erwarten das auch von mir.

Um 19.00 Uhr ist dann der erste Tag vorbei. Mit meinen Eltern, die für die Vereidigung aus den Ferien in Frankreich angereist sind, esse ich im Hotel Bern das Nachtessen. Jonas, unser ältester Sohn besucht uns noch mit zwei Kollegen aus der 3. Sekundarklasse. Sie sind auf der Schulreise und übernachten auf dem Zeltplatz Eichholz in Bern.

Ich bin mit dem Vorsatz nach Bern gereist, dass trotz den vielen Sitzungen und der Parlamentsarbeit der Sport nicht zu kurz kommen darf. Darum jogge ich bereits vor 6.00 Richtung Tierpark Dählhölzli. Diesen Vorsatz habe ich eingehalten. Täglich bin ich rund eine Stunde in den frühen Morgenstunden joggen gegangen. Das ist meine Vorbereitung auf die Wurst und Brot-Stafette des Skiclub Schwyz.

Am Dienstagmorgen dann sind überall Journalisten und Kameras bereit. Es geht um die Wiederzulassung von Formel-1-Autorennen in der Schweiz. Das Interesse der Presse ist riesig. Die Schweiz mit ihren engen Platzverhältnissen, Umweltschutz und Lärmvorschriften lässt die Umsetzung einer Formel-1-Strecke kaum zu. Ich stimme gegen dieses Anliegen, weil in Zeiten der Klimadebatte dieses Geschäft quer in der Landschaft steht. Über den Mittag besuche ich eine Veranstaltung zum Thema Praktikumsplätze. Der Nachmittag ist ausgefüllt mit der Fraktionssitzung. Erst um 21.00 Uhr verlasse ich das Bundeshaus und kehre müde ins Hotel zurück.

Der Mittwoch ist geprägt durch die Debatte um die Festlegung der Beiträge im Übergang zur NFA und der Armeeorganisation. Die Verdoppelung der Auslandeinsätze und die Anzahl der Durchdiener werden mit den Stimmen der SP beschlossen. Die SP sagt Ja zu einer schlanken, professionellen Armee.

Am letzten Tag die endlose Debatte um das Bürgerrecht. Als Präsident der ehemaligen Bürgerrechtskommission im Kanton Schwyz habe ich etwas zu sagen. Erstmals stehe ich am Rednerpult. Am Anfang ein bisschen nervös, legt sich das aber schnell. Eigentlich ist es einfacher im Bundeshaus zu sprechen als im Kantonsrat. Es hört dir ja kaum jemand zu.

Andy Tschümperlin

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